Tangerine

by Joe Frawley

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about

“Who in the rainbow can draw the line where the violet tint ends and the orange tint begins? Distinctly we see the difference of the colors, but where exactly does the one first blendingly enter into the other? So with sanity and insanity.”--Herman Melville

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ESSAY

"Die verwunschene Welt des Joe Frawley" by Vincent Nielaender

An einem heißen, dunstigen Sommersonntagnachmittag kletterst du die steile, schmale Treppe zu einem Dachboden empor. Der Dachboden liegt in einem Haus, das du sehr gut von früher kennst, aus deiner Kinderzeit. Die Luke knarrt, dann stehst du in diffusem Licht zwischen dem Gerümpel eines langen Lebens.

In dem Haus ist vor wenigen Tagen jemand gestorben.

Du pustest den Staub von einer Pappschachtel. Der aufgewirbelte Staub vereint sich mit dem schräg einfallenden Licht zu einer schimmernden Bahn zwischen der schmutzigen Dachluke und den nackten Holzplanken zu deinen Füßen.

Vorsichtig, fast scheu ziehst du den Deckel von der Pappschachtel. Sie ist bis zum Rand gefüllt mit alten Fotos. Einige haben noch einen gezackten Rand. Du beginnst, in den Fotos zu wühlen und zu stöbern. Auf einem wirft ein Mann ein Kind in die Luft, breitet die Arme aus, um es gleich wieder aufzufangen. Das Kind bist du, vor mehr als dreißig Jahren. Du trägst einen bunten, geringelten Pullover und eine blaue Hose an Hosenträgern. Die Farben sind seltsam verändert, eigentlich gibt es diese Farben gar nicht. Das Foto ist etwas verzogen und verwölbt, sein Papier voller innerer Spannungen. Vielleicht, nein wahrscheinlich ist einmal Wasser darüber gelaufen.

Du nimmst den Karton mit und setzt dich in eine Ecke, versuchst, dich beim Anblick der Fotos zu erinnern. Lange hältst du ein bestimmtes Foto in der Hand, ein Foto von einem Sommerfest für Kinder, wieder in diesen fremdartigen Farben, aber du hast nur vergessen, es aus der Hand zu legen, und bist schon völlig woanders. Mit der Zeit hast du die Augen geschlossen und lässt die Bilder, die sich vor lauter Erinnerung einstellen, in dich hineinfließen, dich überschwemmen.

So ging es mir, als ich "Blue Arcana" hörte und damit mitten in der verwunschenen Welt des Joe Frawley war ... über und über unbändig staunend.

Die Bilder, die sich einstellen, sind nicht nur zu sehen, sie sind auch zu riechen und vor allem zu hören. Jemand übt auf einem leicht verstimmten Klavier, eine Plattennadel knistert über betagtes Vinyl, es braust von Regen. Schritte nähern sich, hallend, und entfernen sich wieder. Eine junge Frauenstimme sagt stockend: "The .. the feelings that I .. am experiencing cannot really be described." Sie wiederholt es mehrmals. Fetzen von Geigen- und Glockenspiel, ein kurzer ferner Frauenchor, ein Cello mit langgezogenem, dunklen Bogenstrich. Geschäftige Radiostimmen werden lauter und wieder leiser, reden in mehreren Sprachen durcheinander, dazwischen das helle Rauschen im Radio, als wenn jemand an einem Regler dreht, um einen anderen Sender zu finden. "The town in dreams", sagt ein alter Mann mit bewegter Stimme. "The shadow. The past and future."

Dann "Tangerine": Glocken läuten über einem traurigen Pianoteppich. Eine alte Frau murmelt eine Art Mantra. Jetzt ein elektronisches Dröhnen, wie ein pink leuchtender Himmel über den Bildern. Jetzt Sequenzen eines Chors. Jetzt Männerstimmen, Funkverkehr. Und jetzt eine Frauenstimme, wie beim Üben von Aussprache in einem Sprachkurs: "I see flowers. I see stars. I see flowers. I see stars." Morsezeichen. "Her eyes were very dark blue". Ein Mann sagt deutlich und ausdruckslos "Tangerine", immer wieder. Eine Lautsprecherdurchsage. Krächzende Wildvögel. Ein schwermütiger Sopran schwebt herbei, dazu wieder das Cello. Das Knacken in einem Megaphon. Stimmengewirr, wie auf einem Flughafen. Eine erstickte Stimme: "That's all that's left." Nochmals Stimmen, übersteuert und sich überlagernd. "The house was full of books." Und wieder: "Tangerine."

"Cinema for the ear" nennt der 1971 in Connecticut geborene Komponist, Fotograf und Klangperformancer seine phantastischen Collagen aus Musik, Worten und Alltagsgeräuschen, die in Wirklichkeit allesamt transformierte Bilder sind, und nichts als Bilder. An seiner Beschreibung ist kein Wort zu viel oder zu wenig. Aus einer Fülle von Einzelbildern und Bildfolgen formen sich Geschichten, so wie sich Erinnerungen in unseren Träumen zu jenem bizarren Patchwork fügen, das meist so schnell verloren scheint, wenn wir aufwachen, und das uns doch prägt, begleitet und leitet wie sonst nichts auf der Welt.

Erinnerung ist das Stichwort: Die verwunschene Welt des Joe Frawley erzählt nichts anderes als die Geschichte vom Vergehen, von der Flüchtigkeit der Zeit - im Gestus mal getragen, mal herzzerreißend, stets aber in der infiniten Melancholie, die nun einmal zu dieser größten Geschichte von allen gehört. --Vincent Nielaender, Bremen, July 2007

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REVIEWS

The Sound Projector magazine (no.16, 2007-2008)
This man's a very ingenious narrative sound-art construct maker, who plays the piano like a minimalist version of Florian Fricke, and has the skill of a cabinet maker when he wields the tape-splicer. He works hard to compress a lot of information into his miniaturist, story-based poetical works. Tangerine is made up of piano music and 'sound collage', but unlike so many cut-up zanies whose single aim is to regurgitate the outpourings of the TV and radio media to no real effect, Frawley selects only small choice snippets of pre-recorded information to state his idea. Like I say he's a storyteller, but the narrative unfolds in a very oblique way. There are a lot of words here: voices of people reading stories, found voice, unfinished sentences, selected couplets from old songs; and sound effects like telephones ringing, footsteps in corridors, Morse code messages, numbers stations, foreign languages, trains pulling away, rowing boats ... all sorts of radio-play dramatic suggestiveness that really allows your imagination to take wing with gossamer feathers. Plus we've got very literary references scattered everywhere - 'The house was full of books' is the title of Part IV, 'Death by water' recalls T.S. Eliot, and there's a Herman Melville quote on the back cover about the difference between sanity and insanity. And the front cover image admits to almost everything up front, an arty assemblage using faded old photographs, news cuttings. and images of insects. All of these subtle clues are bound together by the very romantic, quiet and soothing piano playing of Frawley, making this a very moving, intriguing construct. You'll be riveted as you listen, decoding the half-suggested story of Tangerine, and anxiously awaiting the outcome. From what I can gather, it's a tragic tale, and the record is steeped in poignant melancholy. Gorgeous. --Ed Pinsent

Vital Weekly (No. 579 - June, 2007)
www.vitalweekly.net/579.html
A while ago I was introduced to the work of Joe Frawley (see Vital Weekly 564) through Wilhelmina's Dream, an excellent work of quiet plunderphonics. Tangerine sees a continuation of this type of work through three pieces. One striking thing is the use of voice and piano being more present and the orchestral samples are pushed to background. There is also a little bit of electronic sounds, but these too are kept to a minimum. I have no idea where Frawley gets his voices, or did I too hard understanding what they are talking, even whispering about. Perhaps they don't tell me a story at all? I rather think they are evoking images and atmospheres, like being not fully awake and yet not really asleep either. The piano softly tinkles away, a bit of reverb adds a haunting, spooky atmosphere. Debussy meets electronics and a cilinder wax recording with some old conversations. More Mood music of a highly original kind, as before. Someone should investigate this guy and offer him a CD contract. --Frans de Waard

credits

released July 1, 2007

Joe Frawley, piano and sound collage

Includes samples from Maurice Ravel's "Trio for piano, violin and cello", Olivier Messiaen's "Turangalila-Symphonie", William Walton's "Passacaglia (Death Of Falstaff)", and Earl Kim's "Ophelia" from "Where Grief Slumbers".

Cover assemblage and photograph by JF.

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